Kommen die 1930er wieder?

In letzter Zeit ist eine Wiedererstarkung des Nationalismus sowie des Protektionismus zu erkennen. Auch eine langsame Rückkehr des Autoritarismus ist wahrnehmbar; man beachte hier v.a. die Entwicklungen in der Türkei, ganz zu schweigen von Russland, mittlerweile aber auch den USA. Dies reicht natürlich nicht, um eine Parallelität zwischen heute und den 1930ern herzustellen, daher sehen wir uns die Sache etwas genauer an.

Die markanteste Parallele ist der Ausländerhass, der einen neuen Höhepunkt erreicht hat. Die Ansätze dieses „neuen“ Ausländerhasses ist im Grund die selben wie im klassischen Faschismus, das Feindbild hat sich jedoch geändert – früher war es das Judentum, heute ist es der Islam. Die Ähnlichkeit zwischen Antisemitismus der NS-Zeit und dem heutigen Islamhass sind dabei erschreckend. Angefangen davon, dass Muslimen unterstellt wird, sie seien nicht Teil unserer Kultur und könnten sich auch nicht integrieren. Geert Wilders vergleicht den Koran gerne mit Hitlers „Mein Kampf“; doch was schrieb Hitler über das Judentum? Er behauptete, die Juden seien nicht Teil unserer Kultur und auch nicht fähig, sich anzupassen (integrieren). Es wurde früher behauptet, die Juden hätten die Brunnen vergiftet und würden mittels einer Verschwörung die Übernahme der Weltherrschaft planen. Heute behaupten Rechte, der Islam sei eine terroristische Religion und es geben eine gezielte Unterwanderung des Abendlandes durch Muslime (Islamisierung). Juden wurde verboten, in gewissen Berufen tätig zu sein, heute haben einige Menschen Angst, wenn Muslime in Politik, Militär, Polizei etc. tätig sind. Die Ähnlichkeiten zwischen Antisemitismus und Islamhass sind nicht von der Hand zu weisen. Es fehlt nicht mehr viel, bis Muslime öffentlich gekennzeichnet und schließlich systematisch verfolgt werden.

Die Begrifflichkeiten weisen ebenfalls Parallelen auf. Beginnen wir mit dem gern genutzten Begriff „Lügenpresse“. Dieser entstammt der Kriegszeit und diente dazu, objektive Berichterstattung (bzw. jene des Feindes) zu diffamieren, um die eigene Propaganda als Wahrheit zu inszenieren. Die Nationalsozialisten übernahmen dies. Sie bezeichneten objektive (v.a. aber jüdische) Berichterstattung als Lügenpresse, um damit der Bevölkerung die von ihren eigenen Medien produzierten Lügen als Wahrheit zu verkaufen. Heute wird der Begriff „Lügenpresse“ wieder benutzt – und wieder sollen damit objektive Medien diffamiert werden. Der Begriff „Volksverräter“ stammt aus dem 19. Jhr. wurde aber ebenfalls von den Nationalsozialisten übernommen. Volksverrat war damals jegliche Kritik an der nationalsozialistischen Regierung, heute gibt es den Begriff juristisch nicht mehr. Seit der Pegida- Bewegung wird der Begriff allerdings wieder gerne genutzt, um Kritiker bzw. diverse Parteien zu diffamieren. Volksverräter ist wiederrum jeder, der nicht der eigenen rechten Ideologie folgt. Da die Behauptungen der Rechten nicht durch Fakten verifizierbar sind, sprechen diese von „alternativen Fakten“ oder argumentieren gänzlich ohene Bewise („postfaktisch“). Doch „postfaktisch“ und „alternative Fakten“ sind nichts weiter als Synonyme für Lüge.

Die Einschränkung der Pressefreiheit (z.B. in der Türkei, Ungarn etc.) ist ebenfalls typisch für autoritäre Systeme jeglicher Art. Auh Trump ist für seine verbalen Angriffe gegenüber der objektiven Presse bekannt.

Verschwörungstheorien gab es damals (Z.O.G. bzw. Protokolle der Weisen von Zion) und es gibt sie heute (Bilderberger, NWO, Islamisierung). So wie damals sollen diese Verschwörungstheorien die Fokusierung auf den Nationalismus sowie die Verfolgung von Minderheiten und Kritikern legitimieren. Wobei wir glücklicherweise noch nicht in der Phase von erneuten Verfolgungen angelangt sind.

Die Fokusierung auf die eigene Kultur und Religion ist ebenso nicht neu. Die Nationalsozialisten sprachen von einer „deutschen Leitkultur“ und verwendeten gerne den Begriff „völkisch“. Diese Begriffe werden auch heute wieder verwendet. Die Nationalsozialisten missbrauchten das Germanentum (bzw. das, was sie für germanisch hielten), die italienischen Faschisten das Christentum für ihre Zwecke, um eine Verbindung zwischen „Nation“ und „Religion“ zu schaffen – dies sollte das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken und Fremde exkludieren, um ein einheitliches Feindbild zu schaffen (Feind ist jeder, der anders ist). Auch heute gibt es in Europa eine erneute Verbindung von „Nation“ und Christentum, das von einigen Rechten propagiert wird. In der Türkei ist eine Verbindung von „Nation“ und Islam zu erkennen.

Die konservativen Werte sind ebenso identisch. Ein rückständiges Frauenbild (Frauen seien für den Haushalt und die Kinder zuständig) und ein pochen auf traditionelle Familienstrukturen. So werden Homosexuellen nach wie vor bestimmte Rechte verweigert (Ehe, Adoption etc.).

Eine ebenso erschreckende Parallele ist Berechnung des Kostenfaktors bestimmter Gruppen. Die NSDAP errechnete den Kostenfaktor von Arbeitsunfähigen und Menschen mit Behinderung; damit sollte die sog. „Euthanasie“ legitimiert werden. Heute wird vorgerechnet, wie viel die Flüchtlinge der Gesellschaft kosten.

Eine letzte Ähnlichkeit zwischen damals und der heutigen Rechtsparteien betrifft ihre grundsätzliche Ideologie – den Kapitalismus. Sowohl die NSDAP als auch heutige Parteien bezeichnen sich als „sozial“ bzw. als die Stimme des kleinen Mannes, des Arbeiters – ohne jedoch wirklich sozial zu sein. Damals wie heute wurde ein Kampf gegen „die da oben“ (Establishment) propagiert. Die heutigen Rechtsparteien distanzieren sich vom Sozialismus (da sie behaupten, der Nationalsozialismus sei sozialistisch gewesen) und verfolgen eine nationalistische neoliberale (kapitalistische) Ideologie. Der Nationalsozialismus war ebenfalls kapitalistisch (Staatskapitalismus), mit dem Begriff Sozialismus sollten lediglich die Wähler getäuscht werden. Die NSDAP ordnete das gesamte Leben der Staatswirtschaft (nämlich der Kriegswirtschaft) unter, die Menschen wurden lediglich als Ressourcen betrachtet. Die „sozialen“ Maßnahmen sollten lediglich dazu animieren, möglichst viele Kinder zu zeugen, die als Soldaten dienen konnten. Ein weitere Beweis dafür, dass der Nationalsozialismus nicht sozialistisch war ist daran zu erkennen, dass Arbeitsunfähige ermordet wurden – wer der Wirtschaft (oder der Armee) nicht dienen konnte, hatte keinen Platz in der Gesellschaft. Heute wird wieder von „Leistungswilligen“ gesprochen, heutige Rechtsparteien verlangen eine Kürzung der Mindestsicherung für Arbeitslose; alles soll der Wirtschaft untergeordnet werden.

Zum Schluss sollte noch auf etwas wichtiges hingewiesen werden: Die NSDAP kam nicht durch eine Revolution, sondern durch demokratische Wahlen an die Macht (wobei dies keinesfalls die Verbrechen der Nationalsozialisten legitimiert) – wir sollten uns daher im klaren sein, wie leicht es wieder zu einem verbrecherischen Regime kommen kann. Denn ein faschistisches menschenverachtendes Regime könnte nur eine Wahl entfernt sein…

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